Kurzgeschichten

aus einer 11. Klasse, betreut von Fr. Hilbert

Vildan Gül:

Der Pass

Das ganze Dorf war anwesend, sie sangen und tanzten auf die traditionelle Art und Weise, wie auf jeder gewöhnlichen Hochzeit.
Das ist keine gewöhnliche Hochzeit, diese Hochzeit ist anders als die
anderen, dachte das 16-jährige Mädchen, welches beschämt neben dem 30-jährigen Bräutigam saß. Sie erinnerte sich an ihre ältere Schwester, die vor sechs Monaten gestorben was, als sie ihr erstes Kind zur Welt gebracht hatte. Das Neugeborene starb nach seinem ersten Atemzug auch. Die Frauen hatten alles gegeben, um wenigstens noch das Neugeborene zu retten, aber es war zu spät.
Wieso habe ich nur eingewilligt, weshalb habe ich mich nicht gewehrt?
Es liefen ihr Tränen über das zarte Gesicht, die sie sofort weg wischte
, aus Angst, jemand würde etwas merken. Vier Monate nach dem Tod ihrer fast zehn Jahre älteren Schwester beschließt ihr Schwager erneut zu heiraten. Er ist reich und jeder wusste, dass er einen hohen Brautpreis zahlen würde. Er entschied sich für sie, für das fast 20 Jahre jüngere Mädchen. Die Eltern waren begeistert. Das Mädchen willigte ein, um seine Eltern nicht zu enttäuschen. Da es zu aufwändig gewesen wäre, ihr einen türkischen Pass genehmigen zu lassen und in der nächsten Stadt standesamtlich zu heiraten, beschlossen alle zusammen, dem Mädchen den Pass der verstorbenen Schwester zu geben, dessen Tod sowieso noch nicht bekannt gegeben wurde. Somit hieß sie nun wie ihre Schwester.
In dieser Nacht bin ich zehn Jahre älter geworden, habe meinen Namen und somit mich selbst verloren, nun soll ich das Leben meiner Schwester leben. Hätte ich doch nur nein gesagt, nein zu meinen Eltern, nein zum Pass, nein zu meinem Schwager. Hätte ich nur nein gesagt. Sie wurde zum letzten mal gefragt, noch gestern wa
r das, dachte sie sich, noch am gestrigem Tag, als die Sonne noch strahlte. Ich habe ja gesagt.
Der 'Vertrag' wurde abgeschlossen, er bekam das Mädchen, die Eltern zehn Schafe und zwei Rinder. Die Mutter und das Mädchen etwas Gold im voraus. Der Bräutigam küsste zum zweiten Mal die Hand seines ehemaligen und gleichzeitig neuen Schwiegervaters und damit war es offiziell. Sie hatte es bereut in dem Moment, als die Lippen des Bräutigams
die Hand des Vaters berührten. Doch es war zu spät, ein Zurück gab es nicht. Nun saß sie da, die Hände und Füße mit Henna bemalt, die Arme bis zu den Oberarmen und der Hals bis zum Kinn voller Gold und den reichen Bräutigam an ihrer Seite.
Gold, Geld, was ist das alles schon, fragte sie sich, wieder die Augen voller Tränen. In diese Nacht bin ich zehn Jahre älter geworden, habe meinen Namen und damit mich selbst verloren, ich existiere nicht.
Sie fühlte sich, als würde ihr Herz nicht mehr schlagen.
 

Aylin Yüksel:

Die Entscheidung

Sie war verblüfft. Sie wusste, dass dieser Tag sie irgendwann erwarten würde. Doch trotzdem hatte sie es nicht so erwartet. Sie war verblüfft. Wie konnte sich ihr Leben von einem Tag zu anderen so stark verändern? Sie fühlte gar nichts. Weder Liebe noch Hass. In ihr war es dunkel und leer. Sie fragte sich immer wieder dieselbe Frage. Fiel es ihm erst jetzt auf, dass sie existierte? Fiel es ihm erst nach 15 Jahren auf? Sie fühlte gar nichts. Sie war leer. An jenem Tag wusste sie, dass sie eine Entscheidung treffen musste. Eine Entscheidung die ihr Leben, ihre Zukunft beeinflussen würde. Eine Entscheidung, die auch ihre Mitmenschen beeinflussen würde. Entweder das alte Leben weiterführen oder ein neues Leben mit ihrem leiblichen Vater beginnen. Sie fand diesen Gedanken erschreckend. Sie wollte keine Veränderung. Sie hasste Veränderungen. Ihr wurde es erst jetzt bewusst, dass sie alles, so wie es ist, akzeptiert hatte, dass sie alles, so wie es ist, angenommen hatte. Ihr wurde es erst jetzt richtig bewusst, dass sie eigentlich mit ihrem Leben ganz zufrieden war, so wie es ist. Sie wollte keine Veränderung in ihrem Leben. Sie wollte kein neues Leben mir ihm beginnen. Wie konnte sie auch! Sie empfand ihm gegenüber gar nichts. Weder Liebe noch Hass.